Meine liebe Leserschaft,
Ich sage A und er macht B. Warum nur?
Das Bad ist beschlagen, der Spiegel halb blind vom Wasserdampf. Sie steht davor und versucht, ihr Make-up gleichmäßig aufzutragen, während er hinter ihr nach seiner Zahnbürste greift und dabei fast ihr Parfüm umstößt.
„Kannst du bitte das blaue Hemd anziehen?“, sagt sie und zieht eine feine Linie unter ihr Auge.
„Hm“, macht er mit der Zahnbürste im Mund.
Sie kennt dieses „Hm“. Es bedeutet nichts. Oder alles. Oder einfach, dass er nicht wirklich zugehört hat.
„Das blaue. Nicht das graue. Das passt besser zu meiner Bluse.“
Er spült den Mund aus, nickt kurz in den Spiegel und verschwindet ins Schlafzimmer. Sie atmet einmal tief durch, setzt den Deckel auf die Mascara und folgt ihm wenige Minuten später.
Er steht vor dem Schrank und zieht gerade das graue Hemd heraus.
Sie bleibt in der Tür stehen. „Ich hab doch gesagt, das blaue.“
Er schaut kurz zu ihr. „Das graue ist bequemer.“
„Darum geht’s doch gar nicht.“
„Es ist doch nur ein Hemd.“
Sie lehnt sich an den Türrahmen. „Wir gehen zu Freunden. Ich hab mir extra Gedanken gemacht.“
Er knöpft das Hemd zu. „Das sieht doch gut aus.“
Sie sagt nichts mehr. Stattdessen dreht sie sich um und geht zurück ins Bad. Sie merkt, wie sich etwas in ihr aufstaut, obwohl sie weiß, dass es eigentlich nur um ein Hemd geht.
Während sie sich die Ohrringe anlegt, hört sie, wie er im Schlafzimmer herumläuft. Schubladen gehen auf, wieder zu. Schließlich taucht er im Bad auf.
„Hast du meinen Gürtel gesehen?“
Sie schaut in den Spiegel, richtet ihren Kragen. „Im Schlafzimmer, zweite Schublade.“
„Da ist er nicht.“
„Doch, da ist er.“
Er verschwindet wieder. Man hört, wie er Schubladen aufzieht.
„Ist da nicht!“, ruft er.
Sie verdreht die Augen, geht ins Schlafzimmer und zieht den Gürtel aus genau der Schublade, die sie gemeint hat. „Hier.“
Er nimmt ihn. „Hab ich wohl übersehen.“
Sie sagt nichts, geht zurück ins Bad und greift nach ihrem Lippenstift.
„Ziehst du die schwarzen Schuhe an?“, fragt er hinter ihr.
„Nein, die beigen. Die passen besser.“
„Nimm lieber die schwarzen. Die sind schicker.“
Sie schaut ihn im Spiegel an. „Ich nehme die beigen.“
Er zuckt mit den Schultern. „Wie du meinst.“
Fünf Minuten später steht sie im Flur, bereit zum Gehen. Er kommt aus dem Schlafzimmer, schaut auf ihre Füße und bleibt kurz stehen.
„Du ziehst echt die beigen an?“
Sie dreht sich langsam zu ihm um. „Ja.“
„Die schwarzen wären besser gewesen.“
Sie atmet aus. „Ich hab doch gerade gesagt, dass ich die beigen anziehe.“
Er nickt. „Ja, aber ich dachte…“
Sie hebt eine Augenbraue. „Du hast gedacht, ich mach’s trotzdem anders?“
Er lächelt leicht. „Vielleicht.“
Sie schaut ihn an. Dann greift sie nach ihrer Jacke.
„Könntest du noch kurz das Geschenk einpacken?“, sagt er nebenbei.
„Hab ich schon“, sagt sie.
Er nickt und geht ins Wohnzimmer.
Zwei Minuten später kommt er zurück. „Wo ist eigentlich das Geschenkpapier?“
Sie dreht sich langsam zu ihm um.
Und in diesem Moment merken beide, dass sie nicht nur aneinander vorbeigeredet haben — sondern dass sie es die ganze Zeit tun.
„Ein Wir entsteht nicht von alleine.“
Und mit diesen Worten möchte ich mich für heute verabschieden.💛 Deine Tatjana