Meine liebe Leserschaft,
Die Nerven liegen blank.
Der Supermarkt ist voll, und die Luft zwischen den Regalen fühlt sich warm und schwer an. Einkaufswagen schieben sich aneinander vorbei, irgendwo piept eine Kasse, und aus den Lautsprechern läuft leise Musik, die keiner wirklich hört. Sie stehen vor dem Kühlregal, und er greift nach einem Fertiggericht.
„Das können wir doch nehmen“, sagt er und hält die Packung hoch.
Sie schaut kurz darauf. „Wir haben doch noch was zu Hause.“
„Ja, aber das geht schneller.“
Sie nimmt ihm die Packung aus der Hand und legt sie zurück. „Wir haben doch extra eingekauft.“
Er atmet hörbar aus, dieser kurze, kontrollierte Atemzug, den sie inzwischen gut kennt. „Ja. Aber heute ist es spät.“
„Es ist immer irgendwas spät“, sagt sie und verschränkt die Arme.
Er greift wieder nach der Packung. „Ich hab einfach keine Lust, heute noch zu kochen.“
„Ich auch nicht.“
„Dann ist das doch die Lösung.“
Sie schaut ihn an. „Oder wir essen einfach das, was wir schon haben.“
Er legt die Packung demonstrativ in den Wagen. „Wir können auch einfach einmal nicht diskutieren.“
Seine Stimme ist fester geworden, nicht laut, aber deutlich. Sie merkt, wie sich etwas in ihr anspannt.
„Es geht nicht ums Diskutieren“, sagt sie.
„Worum dann?“
Sie zögert kurz. „Du weißt genau, worum.“
Er schaut sie an. „Nein, weiß ich nicht.“
Jetzt bleibt sie ruhig, aber ihre Stimme wird härter. „Es geht darum, dass wir uns dauernd vornehmen, Dinge anders zu machen. Und dann…“ Sie deutet auf das Fertiggericht. „… endet es wieder so.“
Er schüttelt leicht den Kopf. „Es ist ein Fertiggericht.“
„Ja. Aber genau das meine ich.“
Er fährt sich mit der Hand durchs Gesicht. „Wir reden über Essen.“
„Nein“, sagt sie leise. „Tun wir nicht.“
Neben ihnen bleibt ein Mann stehen, um an das Regal zu kommen. Beide rücken ein Stück zur Seite, ohne sich anzusehen.
„Du machst aus allem gleich ein Thema“, sagt er.
„Und du tust so, als wäre nichts.“
Er dreht sich jetzt ganz zu ihr. „Weil nicht alles gleich ein Problem ist.“
„Vielleicht nicht für dich.“
Sein Blick wird fester. „Was soll das jetzt heißen?“
Sie spürt, wie ihr Herz schneller schlägt. „Dass du immer so tust, als wäre alles normal.“
„Und du tust so, als wäre alles kaputt.“
Die Worte hängen zwischen ihnen. Sie merkt, dass zwei Leute neben ihnen langsamer werden. Es wird ihr unangenehm, aber sie bleibt stehen.
„Ich sag nur, dass wir uns was vorgenommen haben“, sagt sie ruhig.
„Und ich sag, dass ein Fertiggericht nichts mit unserem Leben zu tun hat.“
Sie lacht kurz, aber ohne Humor. „Es geht nicht um das Essen.“
Er nickt langsam. „Dann sag doch, worum es geht.“
Sie schaut ihn an. „Es hat wieder nicht geklappt.“
Er wird still.
Für einen Moment ist nur das Summen der Kühltruhen zu hören.
„Und jetzt?“, sagt er leise.
„Nichts. Ich sag nur, dass ich müde bin davon.“
Er verschränkt die Arme. „Ich auch.“
„Dann tu nicht so, als wäre alles egal.“
„Ich tu nicht so.“
„Doch. Du legst ein Fertiggericht in den Wagen und tust so, als würde man damit einfach weitermachen.“
Seine Stimme wird etwas lauter, nicht schreiend, aber deutlich. „Was soll ich denn machen? Hier zwischen Tiefkühlpizza und Lasagne zusammenbrechen?“
Ein Paar neben ihnen schaut kurz rüber. Sie merkt es sofort. Ihr Gesicht wird warm, aber sie weicht nicht zurück.
„Nein“, sagt sie ruhig. „Aber vielleicht nicht so tun, als wäre nichts.“
Er atmet tief durch. Seine Schultern sind angespannt.
Dann greift er nach der Packung, dreht sie kurz in der Hand und legt sie schließlich wieder zurück ins Regal.
„Dann nehmen wir eben keine“, sagt er.
Sie schaut ihn an. Es klingt nach Nachgeben, aber nicht nach Ruhe.
Sie gehen weiter, ohne sich anzusehen. Der Wagen rollt zwischen den Regalen, während um sie herum Stimmen durcheinandergehen.
Und während sie an den nächsten Kühltruhen vorbeigehen, wissen beide, dass es nie um das Fertiggericht ging.
Sondern um all das, was sie nicht sagen wollten — und doch mitten im Supermarkt zwischen ihnen stand.
„Ein Wir entsteht nicht von alleine.“
Und mit diesen Worten möchte ich mich für heute verabschieden.💛 Deine Tatjana