Meine liebe Leserschaft,
Ich sehe nur, was du nicht machst
Sie bleibt im Badezimmer stehen und atmet hörbar aus.
Die Boxershorts liegen vor der Dusche. Schon wieder. Daneben ein Handtuch, halb auf dem Boden, halb auf der Heizung, als hätte es sich unterwegs anders entschieden. Auf dem Waschbecken steht die Zahnpasta ohne Deckel, ein kleiner weißer Streifen daneben, der langsam eintrocknet.
„Unglaublich“, murmelt sie leise vor sich hin, während sie die Boxershorts aufhebt. „Wie kann man denn einfach alles liegen lassen?“
Sie legt sie auf den Wäschekorb, schraubt die Zahnpasta zu und wischt mit dem Finger über das Waschbecken. Dabei merkt sie, wie sich der Ärger langsam aufbaut. Nicht wegen der Boxershorts. Nicht wegen der Zahnpasta. Es ist dieses Gefühl, dass sie ständig hinterherräumt.
„Ich bin hier doch nicht der Aufräumdienst“, sagt sie halblaut, obwohl niemand da ist.
Aus der Küche hört sie, wie er sich einen Kaffee macht. Sie schüttelt den Kopf und geht ins Schlafzimmer. Auf dem Stuhl liegt sein T-Shirt. Daneben seine Socken. Auf dem Nachttisch sein Schlüssel. Wieder nicht am Platz.
„Natürlich“, sagt sie leise. „Warum auch.“
Sie hebt die Socken auf, nimmt das T-Shirt und legt beides zusammen. Währenddessen merkt sie, wie sie innerlich eine Liste erstellt. Boxershorts. Zahnpasta. Socken. Schlüssel. Und der Müll.
Sie geht in die Küche. Der Müll steht noch immer da. Der Beutel hängt schief über dem Rand, als würde er jeden Moment herunterfallen.
„Er wollte ihn doch gestern rausbringen“, murmelt sie.
Sie bindet den Beutel zu, stellt ihn neben die Tür und spürt, wie sich ihr Ärger festsetzt. Immer das Gleiche. Sie sagt es. Er vergisst es. Sie macht es am Ende doch selbst.
Während sie zurück ins Schlafzimmer geht, hört sie, wie er aus dem Bad kommt. „Hast du meine Uhr gesehen?“
Sie bleibt kurz stehen. „Auf dem Nachttisch.“
„Ah, stimmt.“
Natürlich, denkt sie. Immer das Gleiche.
Sie setzt sich aufs Bett, verschränkt die Arme und merkt, wie sich der Ärger weiter ausbreitet. Er lässt alles liegen. Vergisst Dinge. Sucht ständig irgendwas. Und sie räumt hinterher.
Sie schaut auf den Boden. Der Teppich ist sauber.
Sie runzelt kurz die Stirn.
Hat er gestern nicht gesaugt?
Ihr Blick wandert zur Couch. Die Decke liegt ordentlich gefaltet über der Lehne. Sie erinnert sich, wie sie gestern noch zerknittert dalag.
Sie steht auf und geht ins Bad zurück. Der Abfluss glänzt. Kein Haar. Kein Wasserstau.
Sie bleibt kurz stehen.
„Hat er…?“
Sie lehnt sich an den Türrahmen und denkt nach. Gestern hatte sie sich noch darüber geärgert, dass das Wasser nicht richtig abläuft.
Ihr Blick wandert zur Fensterbank. Die Scheiben sind klar. Sie hatte sie schon länger putzen wollen.
Sie geht in die Küche. Die Kaffeemaschine läuft. Er stellt ihr eine Tasse hin.
„Hier“, sagt er. „Mit Milch.“
Sie nimmt die Tasse. „Danke.“
Er lächelt kurz und geht ins Bad zurück.
Sie bleibt stehen, die Tasse in der Hand.
Der Ärger fühlt sich plötzlich anders an.
Sie denkt an gestern.
Er hat das Auto gesaugt.
Letzte Woche die Wäsche gewaschen.
Und heute Morgen hat er ihr den Kaffee gebracht, bevor sie überhaupt aufgestanden war.
Sie lehnt sich an die Küchenarbeitsplatte.
„Du siehst immer nur die Boxershorts“, murmelt sie leise.
Sie lächelt kurz in sich hinein.
Und während sie den Kaffee trinkt, denkt sie daran, dass Liebe manchmal genau so aussieht — unordentlich, unperfekt, aber voller Dinge, die man erst sieht, wenn man kurz innehält.
„Ein Wir entsteht nicht von alleine.“
Und mit diesen Worten möchte ich mich für heute verabschieden.💛 Deine Tatjana