Meine liebe Leserschaft,
Der entspannte Spaziergang wird zum Albtraum.
Der Wald ist ruhig, nur das Knacken der Äste unter ihren Schuhen und das gleichmäßige Schnaufen des Hundes sind zu hören. Die Luft riecht nach feuchtem Laub, und irgendwo in der Ferne ruft ein Vogel. Es ist einer dieser Spaziergänge, die eigentlich entspannen sollen. Genau deshalb sind sie hergekommen.
Der Hund läuft voraus, bleibt stehen, schnuppert intensiv an einem Baum und rennt dann wieder zurück zu ihnen. Sie lächelt kurz und zieht ihre Jacke etwas enger um sich.
„Ich hab heute mit einem Kunden gesprochen“, sagt er neben ihr. „Der hat komplett falsche Vorstellungen von seiner Positionierung.“
Sie nickt. „Hm.“
„Der will alles gleichzeitig. Premium, aber günstig. Persönlich, aber skalierbar. Das funktioniert nicht.“
Sie hört ihm zu, aber ihr Blick wandert über den Weg vor ihnen. Zwischen den Bäumen fällt Licht auf den Boden, der Hund läuft jetzt voraus Richtung Waldrand.
„Ich hab dann gesagt, wir müssen erstmal die Strategie klarziehen“, fährt er fort. „Sonst verzettelt man sich.“
Sie bleibt kurz stehen, weil der Hund am Wegrand stehen geblieben ist und etwas fixiert. „Ich hab übrigens überlegt…“, sagt sie und schaut zu ihm. „Vielleicht sollten wir dieses Jahr mal wieder ein paar Wochenenden nur für uns blocken.“
Er nickt, aber ohne wirklich darauf einzugehen. „Ja, genau das hab ich ihm auch gesagt. Fokus. Nicht alles gleichzeitig.“
Sie geht weiter, schaut ihn an. „Ich meine, so richtig. Ohne Termine. Ohne Verpflichtungen.“
„Ja, klar“, sagt er und deutet mit der Hand in die Luft. „Wenn du keine klare Linie hast, wird alles beliebig.“
Sie runzelt leicht die Stirn. „Ich rede gerade von uns.“
Er schaut sie kurz an, dann wieder auf den Weg. „Ja, ich auch. Struktur ist wichtig.“
Sie merkt, wie sich etwas in ihr zusammenzieht. Der Hund rennt jetzt voraus Richtung Friedhof, der direkt hinter dem Wald beginnt. Die ersten Grabsteine tauchen zwischen den Bäumen auf.
„Ich meine, dass wir uns bewusst Zeit nehmen“, sagt sie ruhiger.
„Ja, aber Zeit allein bringt nichts, wenn man nicht weiß, wohin“, antwortet er.
Sie bleibt kurz stehen. „Hörst du mir eigentlich zu?“
Er schaut irritiert. „Ja, klar.“
„Ich rede von uns. Von unserem Leben.“
Er nickt. „Und ich rede davon, wie man Dinge strukturiert.“
Sie gehen weiter zwischen den Grabreihen entlang. Der Hund läuft langsamer, schnuppert vorsichtig am Rand eines Weges.
„Du redest von Business“, sagt sie leise.
„Nein, ich rede von Prinzipien.“
Sie schüttelt leicht den Kopf. „Das ist genau das, was ich meine.“
Er bleibt stehen. „Was meinst du?“
„Dass du alles wie ein Projekt behandelst.“
Er atmet aus. „Und du redest immer nur von Gefühlen.“
Sie schaut ihn an. „Ja. Weil wir keine Firma sind.“
Jetzt wird es still. Nur das leise Rascheln der Blätter im Wind.
Er verschränkt kurz die Arme. „Du verstehst einfach nicht, dass man Dinge auch logisch angehen kann.“
Sie spürt, wie ihr Herz schneller schlägt. „Und du verstehst nicht, dass nicht alles logisch ist.“
Der Hund schaut kurz zwischen ihnen hin und her, als würde er merken, dass sich etwas verändert hat.
„Wir wollten doch nur spazieren gehen“, sagt sie schließlich.
Er nickt. „Ja.“
Sie gehen weiter.
Zwischen Grabsteinen, die still nebeneinander stehen.
Und während der Hund wieder vorausläuft, merken beide, dass aus einem ruhigen Spaziergang etwas geworden ist, das sie selbst nicht mehr ganz verstehen.
„Ein Wir entsteht nicht von alleine.“
Und mit diesen Worten möchte ich mich für heute verabschieden.💛 Deine Tatjana